»Und als seine Verwandten davon hörten, machten sie sich auf, um sich seiner zu bemächtigen, denn sie sagten: Er ist von Sinnen (eigentlich »ausser sich«. Mk 3,21). Ausser sich sein – von Sinnen sein – verrückt sein. Tatsächlich wirkte Jesus auf viele Menschen seiner Zeit „verrückt“ – im doppelten Sinn des Wortes.
Vor rund hundert Jahren begannen Theologen, Psychologen und Psychiater ernsthaft zu fragen, ob Jesus psychisch krank gewesen sei. Visionen, sein starkes Sendungsbewusstsein, seine Rede vom Reich Gottes oder seine einzigartige Beziehung zu Gott wurden von manchen als religiöser Grössenwahn gedeutet. Dahinter stand auch der Geist der Zeit: Alles sollte wissenschaftlich erklärbar werden. Religiöse Erfahrung erschien vielen nur noch als psychologisches oder neurologisches Phänomen.
Heute wäre man bei solchen Diagnosen viel vorsichtiger. Moderne Psychologie und Neurowissenschaft unterscheiden Absatz aufheben psychischer Krankheit und aussergewöhnlicher religiöser Erfahrung. Denn nicht jede Vision, nicht jedes intensive spirituelle Erleben ist krankhaft. Entscheidend ist vielmehr: Führt es ins Leben – oder zerstört es Leben?
Gerade hier fällt Jesus auf. Die Evangelien zeigen keinen innerlich zerfallenden Menschen, sondern jemanden mit aussergewöhnlicher Präsenz und
Beziehungsfähigkeit. Wer an Grössenwahn leidet, verliert den Bezug zur Wirklichkeit und zu tragfähigen Beziehungen. Die Evangelien zeichnen jedoch das Bild eines Menschen, der anderen gerade zu neuer Wirklichkeit und Beziehungsfähigkeit verhilft. Jesus richtet Menschen auf. Er heilt Kranke. Vergibt Schuld. Durchbricht Ausgrenzungen. Schenkt Hoffnung. »Ich bin gekommen, damit sie das Leben in Fülle haben.« (Joh 10,10b)
Ja, Jesus war „verrückt“ – aber nicht im Sinn einer Krankheit, sondern ver-rückt in Bezug auf die üblichen Denk- und Verhaltensmuster. Ver-rückt bezüglich der Muster von Angst und Macht. Seine Ver-rücktheit war das grenzenlose Vertrauen, das er hatte und in anderen hervorrief, sein Mitgefühl, seine radikale Menschlichkeit.
Jesus lebte anders: Er sprach mit Ausgegrenzten. Er berührte Unberührbare. Er predigte: »Liebt eure Feinde.« (Mt 5,44)
Bis heute wirkt das unvernünftig. Die Welt funktioniert scheinbar anders: sich absichern, zurückschlagen, sich durchsetzen. Jesus aber verrückte die Massstäbe. Wo andere Schuld sahen, sah er neue Möglichkeiten. Wo andere Grenzen zogen, stiftete er Beziehung.
Vielleicht braucht unsere Zeit genau solche „Ver-rücktheit“: Menschen, die nicht nach Nutzen fragen. Menschen, die vergeben statt vergelten. Menschen, die glauben, dass Liebe stärker ist als Angst und so Lebendigkeit ermöglichen.
Paulus schreibt: »Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern verändert euch durch die Erneuerung eures Denkens.« (Röm 12,2)
Vielleicht beginnt Glaube genau dort: in einer heilsamen Veränderung unseres Denkens, einer Verschiebung unseres Blicks auf die Welt mit ihren sooft tödlichen Regeln.
Und vielleicht sollten wir alle ein wenig „ver-rückt“ sein – mit dem Blick auf Jesus.
Pfarrer Andreas Rüttner